Ein Bestseller und sein Autor

Ein spannender Studientag zu Leonhard Goffiné (1648–1719) öffnet den Blick für Literatur, Katechese und Kultur des Barockkatholizismus

Welcher Autor träumt nicht davon, sein Buch würde ein rascher Erfolg? Kaum ein Theologe aber wagt auch nur einen Gedanken daran, sein theologisches Hauptwerk erreichte Hunderte von Auflagen über drei Jahrhunderte hinweg und eine Auflage von mehreren Hunderttausend Exemplaren. Genau das aber war das Schicksal von Leonhard Goffinés Bestseller „Hand-Postill Oder Christ-Catholisches Unterrichtungs-Buch Von allen Sonn- und Feyrtagen des gantzen Jahrs“. 1690 in Mainz erstmals publiziert, reichten seine Neuauflagen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Neben dem deutschen Original kamen Übersetzungen in 13 Sprachen heraus.

Das sind nur ein paar Fakten, die erklären, warum sich am 16. November rund 40 Menschen unserer Tage im Haus am Dom versammelten, um auf Einladung der Akademie des Bistums Mainz (Erbacher Hof), der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte, der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und der Arbeitsgemeinschaft Praemonstratensia des vor 300 Jahren verstorbenen Prämonstratensers Leonhard Goffiné zu gedenken. Sein Name war lange Zeit Programm, sprach man doch bis in die jüngste Vergangenheit schlicht von „dem Goffiné“ und meinte die Hand-Postille als Hausbuch zahlloser katholischer Familien.

Entwarf Prof. em. Dr. Dr. Peter Claus Hartmann (München) ein reiches Panorama des Barockkatholizismus im deutschen Raum, das gerade auch das Wirken der Orden im süddeutschen Raum für Bildung und Kunst hervorhob, so stellte Prof. Dr. Johannes Meier (Mainz) den Ordensmann und Priester, den Seelsorger und erfolgreichen geistlichen Schriftsteller vor. Gebildet und doch bodenständig, glaubensfester Katholik und doch kein eifernder Zelot, wirkte er an verschiedenen Orten des Rheinlandes, des Hunsrücks und Westfalens unter teils schwierigsten Umständen und fand dabei trotz aller Widrigkeiten Zeit, ein reiches geistliches Schrifttum zu verfassen, nicht zuletzt seine Hand-Postille.

Dr. Mona Garloff (Stuttgart/Wien) gab Einblicke in ihre aktuellen Forschungen zu Großauflagen katholischer geistlicher Literatur des 17. / 18. Jahrhundert und beschrieb überzeugend, wie aus der Hand-Postille tatsächlich ein Bestseller wurde, von dem wohl schon im 17. und 18. Jahrhundert bis zu 50.000 Exemplare an rund einem Dutzend Orten gedruckt wurden. Die „wilden“ Umstände des barocken Verlagswesens mit der gängigen Praxis von unautorisierten „Raubdrucken“ und falschen Druckorten stellte sie einem staunenden Publikum eindrucksvoll vor Augen.

Prof. Dr. Werner Simon (Mainz) führte anhand von drei ausgewählten Beispielen in die Welt der seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstehenden Kinder-Postillen und Lehrpredigten für Kinder ein. Sie waren Mittel einer neuartigen Kinderpastoral und einer bewusst auf die Bibel gestützten Glaubensunterweisung, was geeignet ist, das Bild eines bibelfernen Katholizismus merklich zu relativieren. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fand diese Form der Bibelkatechese verstärkt Eingang in die Schulen (samstägliche Perikopenstunde).

Prof. Dr. Jürgen Bärsch (Eichstätt-Ingolstadt) arbeitete aus Goffinés Hand-Postille dessen Blick auf die Situation des gottesdienstlichen Lebens in seiner Zeit anschaulich heraus. Er war geprägt von harscher Kritik am fehlenden Kenntnisstand und einem unangemessenen Verhalten der Pfarrangehörigen, was – nach Goffinés Meinung – deren Seelenheil gefährde. Theologisch wenig originell, sondern in Vielem der mittelalterlichen Tradition verhaftet, betrieb der Autor der Hand-Postille eine eingängige Liturgiekatechese, um die Gläubigen zu einem würdigen Verhalten und tieferen Verständnis der liturgischen Feiern zu verhelfen – alles mit dem Ziel, deren Seelenheil zu fördern und das Ansehen der katholischen Kirche gerade gegenüber den Protestanten zu mehren.

In einer von Hungersnöten und allgegenwärtiger Armut gekennzeichneten Zeit forderte Leonhard Goffiné zu guten Werken der Barmherzigkeit als Ausdruck christlicher Nächstenliebe auf. Er mahnte dabei, wie Prof. Dr. Bernhard Schneider (Trier) erläuterte, die Reichen in einer förmlichen Reichenparänese zum richtigen Umgang mit Geld und Besitz auf und scheute nicht davor zurück, die Laster dieser Gruppe mit klaren Worten zu benennen. Den Armen aber versuchte er Trost aus dem Glauben und eine aus ihm resultierende Hoffnungsperspektive aufzuzeigen. Beides war allerdings entschieden auf das Jenseits und den himmlischen Lohn ausgerichtet. Für die praktische Dimension der Armenfürsorge zeigte er kaum Interesse, sondern beließ es beim Appell zum großherzigen Almosengeben.

Im Anschluss an die Vorträge feierten die Teilnehmer/-innen gemeinsam mit Generalabt em. Thomas Handgrätinger (OPraem) die Eucharistie. In seiner Predigt am Vorabend des Welttags der Armen schlug Abt Thomas den Bogen von Leben und Wirken Goffinés zur Realität unserer Tage mit ihren sehr unterschiedlichen Nöten und Herausforderungen.

Eine kleine Ausstellung der Martinusbibliothek Mainz zeigte den Anwesenden eine ansprechende Auswahl aus der Fülle der Ausgaben von Goffinés Handpostille.

Bernhard Schneider, Trier
(Fotos: Benedikt Winkel, Eichstätt)


Barockkatholizismus

Katechese, Bildung und Kultur im 17. und 19. Jahrhundert

16. November 2019

Vor 300 Jahren verstarb der Prämonstratenser Leonhard Goffiné (1648-1719), dessen Wirken als Priester, Seelsorger und Novizenmeister weit über das Kloster Steinfeld/Eifel und die Kirchengemeinden in Rheinland und in Westfalen, in denen er tätig war, hinausragte. Große Popularität erwarb er sich mit seiner „Handpostille“, einem Laienkatechismus, der in Fragen und Antworten Sonntagslesungen und -evangelien des Kirchenjahres erläuterte. Damit schuf er einen „Bestseller“, der bis ins 20. Jahrhundert immer wieder neu aufgelegt wurde und weite Verbreitung fand. Der „Goffiné“ führte Generationen von Katholikinnen und Katholiken in den Glauben ein und prägte ihre religiöse Praxis.

Der 300. Todestag Goffinés ist Anlass, sich intensiver mit der sozialen, kulturellen und religiösen Lebenswelt des Barockkatholizismus auseinanderzusetzen. Zu fragen ist nach dem historischen Horizont der seelsorglichen Bemühungen in dieser Zeit. Welche Rolle spielte das Medium Buch für die Katechese und religiöse Bildung breiter Schichten? Wie wurde den Gläubigen die Feier des Gottesdienstes erschlossen und welche Impulse erhielten sie, als Christen sich den Armen und Hilfsbedürftigen zuzuwenden? Diese und weitere Aspekte sollen beim Studientag beleuchtet und diskutiert werden.

Sie sind herzlich eingeladen!

Programm und Anmeldung

Veranstaltungsort:

Haus am Dom
Liebfrauenplatz 8
55116 Mainz


Die Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte trauert um ihren langjährigen Präsidenten Professor Dr. Peter Walter, der in der Nacht zum Mittwoch, den 21. August 2019, in Freiburg verstarb.

Peter Walter studierte 1968 bis 1976 Philosophie und Katholische Theologie in Mainz und Rom. 1980 wurde er in Rom zum Dr. theol. promoviert. 1984 bis 1990 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. 1989 habilitierte er sich über die Schriftauslegung des Erasmus von Rotterdam. Von 1990 bis zu seiner Pensionierung 2015 war er Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.

Mit Peter Walter verliert die Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte eine Persönlichkeit von Rang. Er hat als Schriftleiter der „Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte“ und von 2005 bis 2017 als Präsident die Geschicke unserer Gesellschaft entscheidend gestaltet und geprägt. Peter Walter beeindruckte gleichermaßen mit seinem unerschöpflichen Wissen, seinen wissenschaftlichen Anregungen und seiner humorvollen, konzilianten, den Menschen zugewandten Art. Ihm ist es mit zu verdanken, dass sich das Bistum Erfurt 2017 als sechstes Trägerbistum unserer Gesellschaft angeschlossen hat. Als Zeichen der Dankbarkeit erhielt er 2017 die Ehrengabe der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte (Foto: Auf der Jahrestagung in Mainz überreicht der langjährige Speyerer Vizepräsident, Weihbischof Georgens, links, die Plakette an Prof. Dr. Peter Walter, rechts).

Wir bleiben unserem lieben Verstorbenen in Gebet und Erinnerung über den Tod hinaus dankbar verbunden und gedenken seiner bei der nächsten Jahrestagung.


Frau Dr. Marie-Luise Crone hat ihr Amt als Schriftleiterin für das Bistum Limburg, das sie seit 1992 versehen hat, an ihre Nachfolgerin, Frau Dr. Stephanie Hartmann, übergeben.

Bei einer Einladung zum Abendessen hat ihr Weihbischof Dr. Thomas Löhr, im Beisein von Präsident Prof. Bernhard Schneider, dem Limburger Ratsmitglied Dr. Gabriel Hefele und Hauptschriftleiter Prof. Dr. Michael Oberweis, sehr herzlich für diesen langen Dienst gedankt, ebenso wie ihrer Nachfolgerin, für die Bereitschaft diese Aufgabe zu übernehmen.


Bericht über die 71. Jahrestagung vom 25.-27. April 2019 im Robert-Schuman-Haus, Trier

Zeitenwende 1919
Krisen und Aufbrüche nach dem Ersten Weltkrieg

 

Donnerstag, 25. April

14:00 Uhr
Verwaltungsratssitzung (mit besonderer Einladung)

16:30 Uhr
Mitgliederversammlung

18:00 Gemeinsames Abendessen

Beginn der wissenschaftlichen Tagung

19:30 Uhr
Begrüßung
Dompropst Werner Rössel, Vizepräsident

19:45 Uhr
Prof. Dr. Gabriele Clemens (Saarbrücken)
1919 – Katastrophen und Neuorientierungen für die Saarregion. Perspektiven auf die Anfänge des Saargebiets unter Völkerbundsverwaltung

Moderation: Prof. Dr. Bernhard Schneider

20:30 Uhr
Gemütliches Beisammensein

 

Freitag, 26. April

7:30 Uhr
Eucharistiefeier

9:00 Uhr
Prof. Dr. Dr. Werner Schüßler (Trier)
Die Zeit neu Denken – Peter Wust und das Wagnis christlicher Existenz in unsicheren Zeiten

Moderation: Prof. Dr. Michael Embach

10:00 Uhr
Prof. Dr. Jörg Seiler (Erfurt)
„Die religiöse Krise der Gegenwart“ – Matthias Laros: Zum Profil eines weitsichtigen Querdenkers

Moderation: Prof. Dr. Michael Embach

11:00 Uhr Kaffeepause

11:15 Uhr
Frederik Simon (Trier)
Ängste, Selbstfixierung und kämpferische Aufbrüche – Die Trierer Synode von 1920 und das Wirken des Saarbrücker Zentrumsprälaten Dr. Johann Ludger Schlich“

Moderation: Prof. Dr. Bernhard Schneider

12:15 Uhr Mittagessen

14:00 Uhr Kaffee

14:30 Uhr
Prof. Dr. Michael Embach (Trier)
Brennende Herzen, ringende Sucher: Literatur in Krisen- und Aufbruchszeiten: Jakob Kneip / Ernst Thrasolt / Johannes Kirschweng

Moderation: Dr. Michaela Collinet

15:30 Uhr
Kaplan Oliver Seis (Neuwied)
Lesung aus Jakob Kneips Werken

16.00 Uhr
Prof. Dr. Bernhard Schneider (Trier)
Vaterlandsliebe, Kirchentreue und schwierige Wege: Bischof Franz Rudolf Bornewassers Zeitdiagnose

Moderation: Dr. Monica Sinderhauf

16:45 Uhr Pause

17:00 Uhr
Prof. Dr. Jürgen Bärsch (Eichstätt)
Erneuerung aus dem Geist der Liturgie: Maria Laach als Zentrum der Liturgischen Bewegung und das Problem des Rechtskatholizismus

Moderation: Prof. Dr. Jörg Seiler

18.00 Uhr Abendessen

19:30 Uhr Öffentlicher Vortrag

Prof. Dr. Hubert Wolf (Münster)
Politik für die Kirche, Politik in der Kirche: Ludwig Kaas und Eugenio Pacelli

anschl. Weinempfang (Einladung des Bistums Trier)

 

 

Samstag, 27. April

8.30 Uhr
Abfahrt zur Exkursion

10.00 Uhr
Eucharistiefeier in Saarbrücken Christkönig mit Weihbischof Franz Josef Gebert

11.00 Uhr
Aufbrüche im Kirchenbau der 1920 Jahre: Kurzführung in Christkönig mit Mag. theol. Frederik Simon

11.45 Uhr
Führung in St. Michael mit Mag. theol. Frederik Simon

13.00 Uhr
Gemeinsames Mittagessen in Saarbrücken (Einladung Bistum Trier)

14.30 Uhr
Tagungsende und Rückfahrt nach Trier bzw. Abreise ab Hauptbahnhof Saarbrücken

Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte © 2019
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